Jüdisches Leben in Freisbach – Ein Blick in die Geschichte

Die Geschichte jüdischen Lebens in Freisbach lässt sich bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Dazu haben wir in vielen Archiven, genealogischen Projekten und alten Zeitungen gestöbert. Zusammengenommen zeichnet sich ein Bild einer kleinen, aber lebendigen Gemeinschaft, die über mehr als ein Jahrhundert Teil der Dorfgeschichte war – bevor sie in der Zeit des Nationalsozialismus ausgelöscht wurde.

1808 – Einführung fester Familiennamen

Unter französischer Verwaltung mussten jüdische Einwohner feste Familiennamen annehmen. Eine seltene Liste aus dieser Zeit zeigt die damaligen Familienstrukturen in Freisbach: Witwe Mindel wurde zu „Scharff“, Keutel Jacob zu „Ester Scharff“, Hanne Michel und ihre Töchter nannten sich fortan „Sternberger“. Auch Isaac Hertz und Abraham Meyer nahmen in dieser Zeit feste Nachnamen an. Diese Liste ist heute ein wichtiges Dokument für die Anfänge jüdischer Familien in Freisbach.

1821 – Bestattung in Essingen und Einwohnerzahl

Ein Brief der Gemeinde „Freysbach“ vom 22. Januar 1821 gibt Einblick in die damaligen Lebensumstände: Für ihre Verstorbenen nutzten die jüdischen Familien den Friedhof im benachbarten Essingen. Der Erwerb eines Grabplatzes war mit einem einmaligen und einem jährlichen Beitrag verbunden. Gleichzeitig wird in diesem Schreiben erwähnt, dass damals 27 Juden in Freisbach lebten – eine bemerkenswerte Zahl für ein Dorf dieser Größe.

1826–1831 – Gemeinsame Synagoge mit Gommersheim und Betstube in Freisbach

1826 ersteigerte die israelitische Gemeinde Gommersheim-Freisbach ein Haus, das 1827 zur Synagoge umgebaut wurde. Für Freisbach selbst ist um 1831 lediglich eine kleine Betstube in einem Privathaus belegt – Gottesdienste fanden also in sehr kleinem Rahmen statt. Die Synagoge in Gommersheim diente über Jahrzehnte als religiöses Zentrum der Region.

19. Jahrhundert – Familien und soziale Verbundenheit

Aus genealogischen Projekten sind einige Freisbacher Familien bekannt. So wurden Sara (1839–1916) und Rosina (Babette) Scharff (1833–1916) hier geboren, Töchter des Lederhändlers David Scharff und seiner Frau Anna. Sie heirateten in Nachbarorten, wurden später in Ingenheim bestattet und zeigen damit die engen Beziehungen zwischen den jüdischen Gemeinden der Region.
Auch Spendenlisten aus dem Jahr 1879 dokumentieren Namen wie H. Mayer, A. Scharff und L. Rothschild, die für soziale Zwecke in der Region spendeten – ein Hinweis darauf, dass die Familien wirtschaftlich aktiv und gesellschaftlich eingebunden waren.

1925 – Anschluss an die Gemeinde Germersheim

Im frühen 20. Jahrhundert war die jüdische Gemeinde in Freisbach fast verschwunden. 1925 gehörten die wenigen verbliebenen Familien der Kultusgemeinde Germersheim an. Zeitzeugen berichten von nur noch drei jüdischen Einwohnern. In den 1930er-Jahren waren Sigmund Dreifus, Julius Löb und Bertram Lehmann die letzten Gemeindevorstände mit Bezug zu Freisbach.

1938–1942 – Deportation und Holocaust

Die Zeit des Nationalsozialismus brachte das Ende jüdischen Lebens in Freisbach. Die letzten Familien flohen oder wurden deportiert. Besonders bekannt ist das Schicksal von Theodor Scharff, geboren am 30. Januar 1876 in Freisbach: Er lebte später in Ludwigshafen, wurde am 22. Oktober 1940 mit den pfälzischen Deportationen ins südfranzösische Lager Gurs verschleppt und im August 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Er ist das bislang namentlich bekannteste Holocaust-Opfer aus Freisbach.

Die Synagoge von Gommersheim-Freisbach – Niedergang

Die kleine Synagoge, 1827 erbaut, konnte nach 1933 nicht mehr unterhalten werden. Die wenigen verbliebenen Gläubigen besuchten die Synagoge im benachbarten Geinsheim, 1937 wurde das Gebäude verkauft. Eine eigene Betstube oder Synagoge in Freisbach selbst ist nach dieser Zeit nicht mehr überliefert.

Was bleibt.

Die Spuren jüdischen Lebens in Freisbach sind heute fast verschwunden. Nur alte Akten, Namenslisten und Erinnerungen zeugen von einer Zeit, in der jüdische Familien hier lebten, arbeiteten, beteten und Teil des Dorflebens waren.
Ihre Geschichte mahnt uns, wie schnell Nachbarschaft, Gemeinschaft und menschliche Bindungen durch Hass und Gewalt zerstört werden können. Die Erinnerung an Menschen wie Theodor Scharff und die Familien Scharff, Mayer oder Rothschild soll bewahrt werden – als Teil der Geschichte unseres Ortes.

Quellen/Nachweis

  • Kultur-Büro AHB: Namensannahmeliste jüdischer Einwohner Freisbachs (1808) – a-h-b.de
  • Alemannia Judaica: Jüdische Geschichte in Freisbach und Umgebung – alemannia-judaica.de
  • Gemeinde Gommersheim: Historie der Synagoge Gommersheim-Freisbach – gommersheim.de
  • Jüdische Kulturgemeinden Rheinpfalz: Inventar der Synagogen (1831) – jkgrp.de
  • Zeitschrift „Der Israelit“, Ausgabe 1879 (Spendenliste) – alemannia-judaica.de
  • Initiative „Jüdisches Leben Ingenheim“ – genealogische Datenbanken – juedisches-leben-in-ingenheim.de
  • Bundesarchiv: Gedenkbuch für die Opfer der NS-Judenverfolgung – bundesarchiv.de